Wittgenstein

Sprache, Spiel und Schweigen:

Wittgenstein, Homo Ludens und W G Sebald

I.
Es gibt einen Moment im Rückblick auf ein langes Berufsleben, in dem sich Theorie und Erinnerungen nicht mehr trennen lassen. Wittgenstein und Huizinga schrieben, ohne es zu wissen, die Grammatik meiner eigenen Klassenzimmer:

Der eine über das Spiel als Ursprung der Kultur, der andere über die Sprache als Spiel selbst. Doch es ist ein dritter, stillerer Denker, der mir erst spät die eigentliche Form gab, diese beiden zusammenzuhalten: W.G. Sebald, der lehrte, dass das Wesentliche nie ausgesprochen werden muss, um zu wirken. Was folgt, ist kein Traktat, sondern eine Art von Behind.The.Curtain – Architektur, sichtbar nur in ihrer Wirkung, weniger in ihrer Erklärung. Nicht unsichtbar, aber zwischen den Zeilen.

II.
Berlin, 1972.

Das John-F.-Kennedy-Institut, Chomsky, die generative Grammatik als vermeintlich vollständiges System.

Ich unterrichtete am Paulsen Gymnasium ab 1977, als glaubte ich noch an die Regeln vor dem Spiel. Erst Jahre später verstand ich, was Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen bereits festgehalten hatte: Eine Schülerin als Beispiel lernt nicht die Regel der Höflichkeit und wendet sie dann an, sie lernt, was Höflichkeit im Deutschen ist, indem sie im Sprachspiel selbst korrigiert, verziehen oder überhört wird. Das Klassenzimmer war nie ein Ort der Übertragung. Es war, von Anfang an, ein Zauberkreis im Sinne Huizingas, immer begrenzt, regelgebunden, und nur für die wirklich bedeutsam, die bereit waren, hineinzutreten.

III.
Windhoek, 1988 bis 1994.

An der Deutschen Höheren Privatschule (DHPS) war Deutsch kein neutrales Sprachspiel, sondern ein umstrittenes Erbe, ein koloniales Residuum (Deutsch als Fremdsprache DaF) für die einen, Muttersprache für die anderen.

Hier begegnete mir zum ersten Mal, was ich später als das Sebald Prinzip erkennen würde: dass die eigentliche Bedeutung eines Ortes selten ausgesprochen wird, sondern sich in dem verdichtet, was ungesagt bleibt, im Schweigen der dritten Generation deutscher Siedler, in der Farm ohne Strom, in den Wochenenden zwischen Voigtskirch und Windhoek. Wittgensteins Diktum, wovon man nicht sprechen könne, darüber müsse man schweigen, war hier keine philosophische Pointe, sondern gelebte Realität einer ganzen Schülerschaft. Und auch ihrer Lehrer und Eltern gleich Schulgemeinschaft.

IV.
Queensland, ab 1998.

Das LOTE Centre West End, der Goethe-Institut-Auftrag, hier fehlte, was Windhoek im Übermaß besaß: der Einsatz, das Erbe, die Dringlichkeit. Huizingas Bestehen darauf, dass Spiel „um seiner selbst willen” geschehe, wurde zur einzigen tragfähigen Pädagogik. Ohne historische Notwendigkeit musste der Spieltrieb, in Schillers älterem Begriff, die Schwerkraft selbst erzeugen: Rollenspiel, Verhandlungssimulation, erfundene Szenarien. Und doch, auch hier, unter der Oberfläche des scheinbar Stakes-losen, lag eine leise Sebald – Spur: der kulturelle Graben zwischen deutscher Lehrerautorität und australischer Beiläufigkeit, den ich später als eigenes Lehrerleben-Kapitel festhielt, nie erklärt, nur gezeigt. Lese bei Interesse bitt weiter im Lehrerleben.

V.
Das Sebald – Prinzip selbst verdient hier eine genauere Betrachtung. Sebalds Methode bestand nie im Erklären, sondern im Nebeneinanderlegen: das körnige, verblasste Foto neben die Prosa, das Ungesagte neben das Gesagte, eine zweite Spur unter der ersten. Genau dies ist auch Wittgensteins spätere Einsicht über die Grenzen der Sprache:
Dass am Rand jedes Sprachspiels ein Bereich liegt, der sich der Aussage entzieht, aber dennoch wirkt. Ein Lehrerleben, richtig erzählt, funktioniert nach demselben Gesetz: Nicht die ausgesprochene Lektion bleibt haften, sondern das, was zwischen den Sätzen immer mitschwang, die Pause vor einer Korrektur, der Blick, der eine Klasse zum Schweigen brachte. Das musste ich zum Teil noch erlernen, manchmal auch bitter.

VI.
Der Business-Deutsch-Podcast, den ich heute produziere, ist die letzte Station dieser Linie, aber sie führt weiter in die Fiktion. Ruth, auf ihrer BMW 800 GS Black Edition durch das Hinterland fahrend, singt stumm die Lieder ihrer Kindheit in ihren Helm und spürt das Pferd unter der Maschine. Sie erklärt nichts. Sie spielt, im vollen Huizinga’schen Sinn, und der Leser wird eingeladen zu fühlen, nicht belehrt zu werden. Der Sebald-Vertrag verlangt genau dies: Show, don’t tell. Ruths Freiheit ist körperlich, nicht philosophisch, das Wissen sitzt im Körper, bevor der Verstand es benennen kann. Auch dies ist Spieltrieb: die Versöhnung von Stofftrieb und Formtrieb, wortlos gehalten.

VII.
Was Wittgenstein, Huizinga und Sebald verbindet, obwohl keiner den anderen zitierte, ist ein gemeinsames Misstrauen gegenüber der Erklärung als Königsweg zur Wahrheit. Wittgenstein zeigte, dass Bedeutung im Gebrauch entsteht, nicht in der Definition. Huizinga zeigte, dass Kultur im Spiel entsteht, nicht in der Institution. Sebald zeigte, dass Erinnerung im Bild entsteht, nicht in der Erzählung. Ein Lehrerleben, das diese drei Einsichten ernst nimmt, unterrichtet nicht durch Vortrag, sondern durch das sorgfältige Arrangement von Situationen, in denen das Lernen selbst geschehen darf, eher unbeobachtet, fast beiläufig, wie ein Spiel. Und das mit Freude am Entdecken verbunden wie die Erkundung eines Secret Gardens.

VIII.
Vierzig Jahre auf drei Kontinenten, von Berlin, nach Windhoek und dann Brisbane, lassen sich rückblickend nicht als Fortschritt einer Methode beschreiben, sondern als wiederholte Rückkehr zu derselben Einsicht unter je neuen Bedingungen.

Jedes Klassenzimmer war ein Zauberkreis.

Jede Sprache, die darin gelernt wurde, war ein Spiel, dessen Regeln man nur durch Teilnahme begriff. Und jedes Schweigen, das Schweigen der Windhoeker Farm, das Schweigen zwischen den Sätzen eines Lehrerlebens, trug mehr Bedeutung als jede erklärte Regel.

IX.
Docere ut discas. Meminisse ut intellegas. Scribere ut maneas.

Am Ende bleibt die schlichte Einsicht, dass ein Lehrerleben mit Unterrichten selbst ein einziges, langes Sprachspiel war.

Ein Spiel, dessen Regeln ich jetzt im Alter und im Ruhestand noch immer neu zu lesen lerne.

Auch im Schweigen wie Pinter das auf die Bühne brachte im Caretaker.

Ein Mann, der Care zum Beruf machte.

Wie heute Age Care oder Child Care.

Und eine Lehrkraft ohne Care – who does not care but teach – ist schlicht fehl am Platz. Und sollte sehr schnell einen besseren Beruf finden.

Nicht jeder Meister im Fach ist ein guter Schulmeister.

Written and published by Author

Peter H Bloecker

Podcast

Business German Podcast

Place: Gold Coast QLD Australia

Local Time Mon 13 Jul 2026 at 9:53