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My review and comment

Demokratie hat viele Gesichter
Amerika, JD Vance, Peter Thiel und die unvergleichliche Demokratie
P.H. Bloecker · bloeckerblog.com · 2026
I. Was man am John F. Kennedy Institut lernte
Es gibt Einsichten, die man einmal gewinnt und nie wieder verliert. Eine davon habe ich an der Freien Universität Berlin gelernt, im John F. Kennedy Institut für Nordamerikastudien: Der amerikanische Wahlkampf und das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten sind mit keiner anderen Demokratie der Welt vergleichbar. Das war in den 1970er Jahren eine nüchterne akademische These. Im Jahr 2026 ist es ein brennend aktueller Befund.
Das Kennedy Institut, 1963 im Jahr der Ermördung des Präsidenten gegründet, nach dem es benannt ist, war jahrzehntelang das intellektuelle Zentrum der Amerikanistik in Europa. Man lernte dort, was die meisten europäischen Kommentatoren bis heute nicht begreifen: Amerika ist kein Land, das man mit den Kategorien europäischer Parlamentsdemokratien denken kann. Es ist ein Kontinent mit einer Verfassung. Es ist ein Experiment, das noch nicht abgeschlossen ist.
Diese Erkenntnis kommt mir zurück, wenn ich die aktuelle amerikanische Lage beobachte: JD Vance als Vizepäsident, Donald Trump im Oval Office zum zweiten Mal, Peter Thiel im Hintergrund mit seinen Milliarden und seiner Agenda, und eine Demokratische Partei, die nach ihrer Niederlage noch immer nach einer Sprache sucht, um zu beschreiben, was ihr zugestossen ist. Wer Amerika mit europäischen Augen betrachtet, versteht nur den Rahmen — nicht das Bild darin.
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II. Ein Kontinent, der einmal pro vier Jahre abstimmt
Beginnen wir mit dem, was Europa nie ganz versteht: der schieren Dimension. Kalifornien allein wäre als eigenständige Volkswirtschaft die fünftgrösste der Welt. Texas wäre eine europäische Mittelmacht. Die Spanne zwischen einem schwarzen Wähler in Atlanta, einem Latino-Farmer im ländlichen New Mexico, einem weissen Bergarbeiter in West Virginia und einem Tech-Millionär in San Francisco — das ist keine Gesellschaft. Das sind vier verschiedene Zivilisationen, die einmal pro vier Jahre gemeinsam ein Kreuz machen.
Das amerikanische Wahlsystem — das Electoral College, das Mehrheitswahlrecht nach dem First-Past-The-Post-Prinzip, das Zweiparteiensystem, das Gerrymandering durch Staatslegislaturen, die Finanzierung durch Super PACs nach dem Citizens-United-Urteil von 2010 — hat mit europäischem Parlamentarismus strukturell nichts gemein. Ein Kandidat kann drei Millionen Stimmen mehr erhalten als sein Gegner und trotzdem verlieren. Das ist in Deutschland, Frankreich oder Australien schlicht unmöglich. In Amerika ist es Verfassungsrealität.
Und dann sind da die Swing States — jenes schmale Band aus sechs bis sieben Bundesstaaten, das in Wirklichkeit über die Präsidentschaft entscheidet: Pennsylvania, Michigan, Wisconsin, Arizona, Georgia, Nevada. Der Rest des Landes ist, wahlkampftaktisch gesehen, Kulisse. Beide Kandidaten spielen ein hochspezifisches, lokal gefärbtes Spiel in einem Bruchteil des Territoriums. California wählt Demokraten. Texas wählt Republikaner. Der Präsident wird in Pittsburgh gewählt, in Detroit, in Phoenix.
Alexis de Tocqueville hat das alles 1835 vorhergesehen, als er nach seiner Amerikareise sein Buch „De la démocratie en Amérique“ schrieb. Die eigentliche Gefahr der Demokratie, schrieb er, sei nicht die Tyrannei eines Monarchen — sondern die Tyrannei der Mehrheit. Eine Mehrheit, die sich selbst für den Volkswillen hält und alle anderen Stimmen systematisch überhört. Tocqueville hatte Recht. Er hatte nur keine Ahnung, wie weit es noch gehen würde.
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III. Die Parade der Charaktere — von Bush bis Biden
Die amerikanische Demokratie schreibt keine politischen Biographien. Sie schreibt Dramen. Manchmal Shakespear. Manchmal Kafka. Meistens beides gleichzeitig.
George H.W. Bush — der Vater — war vielleicht der am besten vorbereitete Präsident des 20. Jahrhunderts: CIA-Direktor, Botschafter, Vizepräsident. Ein Mann, der die Welt kannte, bevor er sie regierte. Er gewänn den ersten Golfkrieg, verlor die Wiederwahl an Bill Clinton, weil die Wirtschaft schwachelte und sein Berater James Baker ihm sagte: „It’s the economy, stupid.“ Dieser Satz ist in die amerikanische Politikgeschichte eingegangen — als Beweis dafür, dass Aussenpolitik in Amerika nie Wahlen gewinnt, nur verliert.
Bill Clinton war das Gegenteil: charismatisch, intellektuell beweglich, politisch gefährlich begabt — und moralisch, um Harris’ Sprache zu benutzen, ‚fast ethisch’. Das Impeachment-Verfahren 1998 war kein Skandal über Sex. Es war ein Verfassungskonflikt über die Frage, ob ein Präsident lügen darf. Clinton hat gelügt — unter Eid, vor dem Kongress, öffentlich. Ronald Howard hätte gesagt: Das ist nicht eine große Lüge, die den Charakter zerstört. Das ist die Gewohnheit der kleinen Lügen, die schliesslich auf der grössten Bühne der Welt auffliegt.
George W. Bush — der Sohn — und der Irak-Krieg: eine Geschichte, die noch nicht zu Ende geschrieben ist. Weapons of mass destruction, die nicht existierten. Ein Geheimdienst, der lieferte, was die Politik hören wollte. Eine Nation, die einen Krieg begann, den sie nicht beenden konnte. Hunderttausend Tote. Eine Region, die bis heute nicht zur Ruhe kommt. Und die interessante Frage, die man im Kennedy Institut stellen würde: Hat Bush gelogen? Oder hat er geglaubt, was er glauben wollte? Die zweite Variante ist, ethisch gesehen, fast schlimmer.
Barack Obama — acht Jahre. Der erste schwarze Präsident in einem Land, das bis 1965 institutionelle Rassentrennung hatte. Das sind keine 60 Jahre. Das ist Lebenserinnerung vieler Wähler, die 2008 für ihn gestimmt haben. Obama hat gezeigt, was Amerika sein kann — und Trumps Sieg 2016 hat gezeigt, wie tief die Gegenreaktion sass. Die Backlash-Hypothese der Politikwissenschaft: Jede große Bewegung nach vorne erzeugt eine mindestens ebenso große Bewegung zurück.
Und dann Joe Biden — der senile Kandidat, wie er im Volksmund hiess, in einem Land, das Altersdiskriminierung offiziell ablehnt und inoffiziell überall praktiziert. Ein Mann, der zu alt war für das Amt, der es wusste, dem es seine eigene Partei sagte — und der trotzdem nicht losließ, bis er losliesß. Zu spät. Kamala Harris kam ohne Vorwahl, ohne eigene Erzählung, ohne Zeit — und verlor. Das war kein Kampagnenfehler. Das war institutionelles Versagen der Demokratischen Partei in öffentlicher Echtzeit.
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IV. Trump — das Unvorhergesehene, das zweimal eintrat
Donald Trump ist das Phänomen, für das kein politisches Lehrbuch eine Kategorie hatte — und für das die Politikwissenschaft auch im Rückblick noch immer keine vollständige Erklärung gefunden hat. Ein verurteilter Straftäter. Zweimal impeacht. Zweimal gewählt. Der einzige Präsident in der Geschichte der Vereinigten Staaten, der das Amt verlor und zurückgewann.
Die europäische Erklärung — Populismus, Nationalismus, Demokratieversagen — greift zu kurz. Sie beschreibt den Rahmen, nicht den Inhalt. Die amerikanische Erklärung ist komplexer: Trump hat eine Klasse angesprochen, die sich seit Jahrzehnten von beiden Parteien vergessen fühlte. Die deindustrialisierten Städte des Rust Belt. Die Länder, die keine Opioidkrise und keine Jobverluste durch Automatisierung auf der Tagesordnung der Küstenstädte sahen. Die Männer ohne Hochschulabschluss, die in den 1970er Jahren noch ein solides Mittelklasseleben führen konnten und heute prekariat sind.
Andrew Jackson war 1828 der Trump seiner Zeit — Populist, Anti-Establishment, Feind der Institutionen, Liebling der vergessenen Mehrheit. Joseph McCarthy in den 1950ern war der Vorgänger des MAGA-Bewegungsgedankens: die Idee, dass der innere Feind gefährlicher ist als der äussere, dass Institutionen korrumpiert sind, dass nur ein starker Mann die Wahrheit sagt. Amerika kennt dieses Muster. Es kehrt wieder, in jeweils neuer Form, mit jeweils neuen Akteuren.
Was 2024 neu war: Trump gewann trotz und wegen allem, was vorher kam. Die Verurteilung. Die Impeachments. Die Sturm-auf-das-Kapitol-Bilder. Das alles hat ihn bei seiner Basis nicht geschwächt — es hat ihn gestärkt. Für seine Wähler war jede Anklage ein Beweis, dass das System gegen ihn ist. Und wenn das System gegen ihn ist, dann ist er gegen das System — also für sie. Das ist eine politische Logik, die rational inkohärent und emotional absolut stimmig ist.
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V. JD Vance — vom Rust Belt zum Weissen Haus
James David Vance wurde in Middletown, Ohio geboren — einer jener deindustrialisierten Kleinstädte im amerikanischen Mittleren Westen, die in den 1980er und 1990er Jahren ihre Stahlwerke, ihre Arbeitsplätze und schliesslich ihren Mittelstand verloren haben. Armut, Drogensucht, zerbrochene Familien, keine Perspektive — das ist das Amerika, das Vance in seinem 2016 erschienenen Memoir „Hillbilly Elegy“ beschreibt. Das Buch wurde ein Bestseller im Jahr, in dem Trump gewählt wurde. Der Zeitpunkt war kein Zufall.
Die Biographie ist dramatisch: Dysfunktionale Familie, abwesende Mutter, drogenabhängig und psychisch krank. Die Großmutter — „Mamaw“ — als eigentliche Erziehungsfigur. Vier Jahre US Marine Corps, Einsatz im Irak. Dann Ohio State University. Dann Yale Law School — einer der höchsten akademischen Aufstiege, die das amerikanische System erlaubt, wenn man die nötige Mischung aus Begabung, Verbissenheit und Glück mitbringt. Das alles ist real. Das alles stimmt. Und das alles ist nur die Hälfte der Geschichte.
Die andere Hälfte beginnt 2011 in Yale, als Peter Thiel einen Vortrag hält. Thiel — Mitgründer von PayPal, Frühninvestor bei Facebook, Gründer des Datensurveillance-Unternehmens Palantir, Milliardär und intellektueller Provokateur — spricht über die Frage, wie Ambition Innovation tötet. Vance hört zu. Und aus diesem Abend entwickelt sich eine Beziehung, die Vances gesamten weiteren Lebensweg bestimmt.
Thiel holt Vance als Partner in seine Venture-Capital-Firma Mithril Capital. Er unterstützt Vances eigene Gründung Narya Capital mit mindestens 15 Prozent des Startkapitals. Und als Vance 2022 für den Senatssitz in Ohio kandidiert, gibt Thiel 15 Millionen Dollar für einen eigens gegründeten Super PAC — der grösste Einzelbeitrag in der Geschichte eines amerikanischen Senatskampfes. Thiel war auch die Person, die Vance Donald Trump vorgestellt hat und damit den letzten entscheidenden Schritt zum Vizepäsidenten ermöglichte.
Seit Vance und Trump am 20. Januar 2025 ihr Amt angetreten haben, haben sich die Bundesaufträge für Palantir, Thiels Datenfirma, von 541 Millionen Dollar im Jahr 2024 auf über 970 Millionen Dollar im Jahr 2025 fast verdoppelt. Cui bono, lautet die alte römische Frage. Wem nützt es? Die Antwort ist hier ungewohnt deutlich.
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VI. Der Katholik — Bekehrung als politisches Projekt?
JD Vance ist seit 2019 römisch-katholisch. Er ist damit der zweite katholische Vizepäsident der Geschichte, nach Joe Biden — aber sein Katholizismus ist von einer völlig anderen Art.
Bidens Glaube war der stille, kulturell gewachsene Katholizismus der irisch-amerikanischen Arbeiterschicht: Messe am Sonntag, Rosenkranz in der Tasche, persönliche Überzeugung ohne politischen Imperativ. Vances Katholizismus ist kämpferisch, antimodern und explizit politisch. Er nähert sich dem, was in der amerikanischen Kirchenpolitik als „Katholischer Integralismus“ bezeichnet wird — der Vorstellung, dass Kirche und Staat in einem „integrierten“ Verhältnis stehen sollten, in dem christliche Werte die politische Ordnung strukturieren.
Der Weg dorthin war verschlungen. Vance beschreibt in „Hillbilly Elegy“ seinen Durchgang durch verschiedene Glaubensräume: den evangelikalen Glauben des Vaters, den praktischen Atheismus der Jugend, einen Ayn-Rand-inspirierten Libertarismus während des Studiums. Dann Thiel — der selbst eine unorthodoxe Theologie vertritt, geprägt von apokalyptischem Christentum und libertären Ideen. Und schliesslich, 2019, die Konversion zum römischen Katholizismus.
Vance hat angekündigt, 2026 ein zweites Buch zu veröffentlichen: „Communion: Finding My Way Back to Faith“. Das ist keine beiläufige Erzählung. Es ist eine Positionierung. In einem Amerika, in dem die Kulturkriege um Abtreibung, Gender und säkulare versus religiöse Werte die politischen Linien bestimmen, ist ein kämpferisch-katholischer Vizepäsident eine klare Aussage über die Richtung, in die die MAGA-Bewegung nach Trump gehen soll.
Die Frage, die man stellen darf, ist nicht, ob Vances Glaube echt ist. Die kann man nicht von aussen beantworten. Die Frage ist: Was bedeutet dieser Glaube politisch? Und die Antwort darauf ist unmissverständlich: Er bedeutet eine Ablehnung des liberalen Laizismus, eine Aufwertung religiöser Autorität in der öffentlichen Sphäre und eine Vorstellung von Gemeinschaft, die auf Überlieferung, Hierarchie und moralischer Ordnung beruht. Das ist, aus der Perspektive der Frankfurter Schule, eine klare Beschreibung des autoritären Charakters — nicht als Beleidigung, sondern als Strukturanalyse.
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VII. Das Milliardärsprojekt — wenn privates Kapital öffentliche Demokratie kauft
Peter Thiel ist nicht allein. Er ist Teil eines Netzwerks von Technologie-Milliardären, die in den letzten zehn Jahren systematisch begonnen haben, amerikanische Politik nicht zu beeinflussen — sondern zu kaufen. Das Citizens-United-Urteil des Supreme Court von 2010 hat die Schleusen geöffnet: Politische Ausgaben sind Meinungsfreiheit, Super PACs dürfen unbegrenzte Beträge sammeln, die Herkunft des Geldes kann verschleiert werden.
Elon Musk — heute Leiter des „Department of Government Efficiency“ (DOGE) in der Trump-Administration — hat im Wahlkampf 2024 über 260 Millionen Dollar für Trump ausgegeben. Im Gegenzug hat er Zugang zu Bundesbehörden erhalten, der in der Geschichte amerikanischer Demokratie ohne Parallele ist. Marc Andreessen, Reid Hoffman, die Koch-Erb-Netzwerke: Das private Kapital des Silicon Valley und der fossilen Brennstoffindustrie hat Längst aufgehört, Politik zu finanzieren — es betreibt sie.
Das ist keine Verschwörungstheorie. Das sind öffentlich dokumentierte Zahlen und öffentlich bekannte Ergebnisse. Und es ist die eigentliche strukturelle Frage, die hinter der Faszination mit Einzelpersonen wie Trump oder Vance verborgen bleibt: Nicht „Wer ist dieser Mensch?“, sondern „Wessen Interessen vertritt er? Wer hat ihn dorthin gebracht? Und was erwartet der Geldgeber als Gegenleistung?“
Tocqueville hatte Angst vor der Tyrannei der Mehrheit. Die neue Gefahr ist subtiler: die Tyrannei einer kleinen, extrem wohlhabenden Minderheit, die die Mehrheit davon überzeugt, dass ihre Interessen identisch sind. „Billionaires don’t win elections by being honest about their agenda“ — dieser Satz eines amerikanischen Politikwissenschaftlers trifft den Punkt. Thiel, Musk und ihre Netzwerke haben in Vance und Trump zwei Figuren gefördert, die authentisch aus dem Volk zu sprechen scheinen — und gleichzeitig die Interessen einer äusserst privilegierten Klasse bedienen.
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VIII. Was bleibt: Demokratie als offenes Experiment
Die amerikanische Demokratie hat in ihrer Geschichte überlebt, was sie nach europäischen Maßstäben längst hätte zerstören sollen: einen Bürgerkrieg, der 620.000 Tote kostete. Eine Weltwirtschaftskrise, die das politische System an den Rand des Zusammenbruchs brachte. McCarthyismus und Hexenjagden. Watergate. Den 11. September und die Verfassungserosion des „PATRIOT Act“. Den 6. Januar 2021. Zweimalige Wahl eines verurteilten Straftäters.
Und doch steht das System noch. Die Institutionen halten — mal besser, mal schlechter, mal nur knapp. Die Verfassung von 1787 — die älteste noch in Kraft befindliche nationale Verfassung der Welt — wird noch immer zitiert, noch immer ausgelegt, noch immer gestritten. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist das erstaunlichste politische Gebäude der Neuzeit.
Was mich als gelernten Amerikanisten — mit dem Kennedy Institut im Rücken und der Gold Coast vor Augen — beschäftigt, ist nicht die Frage, ob Amerika eine Demokratie ist. Die Frage ist, welche Form Demokratie annimmt, wenn drei Bedingungen gleichzeitig eintreten: wirtschaftliche Ungleichheit auf historischen Höchstständen, institutionelles Vertrauen auf historischen Tiefstständen und privates Kapital ohne demokratische Zurächenbarkeit auf dem Vormarsch.
JD Vance ist 40 Jahre alt. Er ist der jüngste Vizepäsident seit Richard Nixon. Er ist intellektuell, buchgelehrt, religiös ernsthaft, politisch gefährlich versiert. Ob er 2028 kandidiert und ob er gewinnen kann, hängt von Faktoren ab, die heute noch nicht absehbar sind. Aber die Frage, die hinter seiner Karriere steht, ist die wichtigere: Ist er das organische Produkt einer demokratischen Bewegung von unten — der Rust-Belt-Junge, der es geschafft hat und nun für sein Volk spricht? Oder ist er das sorgfältig konstruierte Projekt einer kleinen Elite, die verstanden hat, dass authentische Herkunft die überzeugendste politische Marke ist, die Geld kaufen kann?
Beide Antworten können gleichzeitig wahr sein. Das ist das Eigentümliche an Amerika: Es lässt sich nicht in einfache Schubladen sortieren. Es ist gross, widersprüchlich, gleichzeitig die grösste Demokratie der Erde und ihr schwierigster Proband. Es produziert Lincoln und McCarthy, Obama und Trump, in derselben Verfassung, unter demselben Himmel.
Demokratie hat viele Gesichter, schrieb ich als These dieses Essays. Das amerikanische Gesicht ist keines, das man leicht lesen kann. Aber man muss es lesen — denn was in Washington entschieden wird, entscheidet auch in Burleigh Waters, in Berlin, in São Paulo und in Peking mit. Das war am Kennedy Institut der Grundsatz: Amerika verstehen, nicht um es zu bejubeln oder zu verdammen, sondern weil es das meistgelesene politische Dokument der Gegenwart ist. Und weil Scio nescio — ich weiss, dass ich nicht weiss — die einzige intellektuell ehrliche Haltung bleibt, mit der man diesem Dokument begegnen kann.
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P.H. Bloecker · Burleigh Waters, Gold Coast · 2026
bloeckerblog.com
Quellen: JFK Institut FU Berlin · Wikipedia · Politico · The Atlantic · Hollywood Reporter · ABC News · Tocqueville: De la démocratie en Amérique (1835)