TITLE: „Ich bin nicht alt. Ich bin nur schon lange hier.” – Eileen Kramers Lebenserinnerungen
SLUG: eileen-kramer-life-keeps-me-dancing-rezension
EXCERPT: Eine Tänzerin, die 110 Jahre lebte und noch mit 108 ihre Memoiren schrieb — Eileen Kramers Buch ist kein Altersbuch, sondern ein Manifest des Weitermachens.
CATEGORY: Literatur & Sprache
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LANGUAGE: DE
Sie wurde 110 Jahre alt, tanzte bis zuletzt und schrieb ihre Memoiren, als andere längst aufgehört hätten, irgendetwas zu beginnen. Eileen Kramer, 1914 in Sydney geboren und am 15. November 2024 gestorben — sieben Tage nach ihrem 110. Geburtstag — hinterließt ein schmales, leuchtendes Buch, das den Titel trägt, der ihr ganzes Leben zusammenfasst: Life Keeps Me Dancing. Wer dieses Buch aufschlägt, erwartet vielleicht eine sentimentale Rückschau. Was man findet, ist etwas anderes: eine Haltung.
Eine Frau, die zu spät anfing — und deshalb nie aufhörte
Eileen Kramer begann mit dem Tanzen, als sie sechsundzwanzig war. Das ist, nach allen gängigen Maßstäben des Balletts, zu spät. Wer mit sechsundzwanzig erst zur Bühne findet, hat die Karriere verpasst, bevor sie begann. Kramer kümmerte das nicht. Im Jahr 1940 sah sie eine Aufführung des Bodenwieser Balletts — die österreichisch-jüdische Ausdruckstanz-Pionierin Gertrud Bodenwieser hatte ihre Kompanie nach Australien gerettet — und trat wenig später selbst bei. Was folgte, war kein geradliniger Aufstieg, sondern ein Leben in Bewegung: im wörtlichsten Sinn.
Sie tanzte und malte Wandgemälde in Karatschi. Sie arbeitete als Künstlermodell in Paris und London. Sie begegnete Ella Fitzgerald und Groucho Marx. Louis Armstrong brachte ihr den Twist bei. Sätze wie diese stehen in Life Keeps Me Dancing nicht als Angeberei, sondern als beiläufige Koordinaten eines Lebens, das sich den normalen Einteilungen — Kindheit, Beruf, Rente, Sterben — schlicht nicht fügte.
Das Buch: Form und Ton
Kramer schrieb ihre Memoiren mit 108 Jahren. Das Buch erschien 2023 bei Pan Macmillan Australia und umfasst gut zweihundert Seiten — kein schweres Werk, aber eines mit Gewicht. Der Ton ist direkt, unprätentiös, manchmal von entwaffnender Schlichtheit. Es gibt keine literarischen Selbstinszenierungen, keine Koketterie mit dem eigenen Alter, keine Weisheiten in Großbuchstaben. Was Kramer schreibt, klingt so, wie jemand spricht, der keine Zeit mehr hat für Umwege — nicht weil das Leben sich dem Ende nähert, sondern weil er es immer so gehalten hat.
Der erste Satz des Buches lautet: „I am not old. I have just been here for a long time.” Das ist kein Witz. Das ist eine erkenntnistheoretische Position. Alter, so die implizite These des gesamten Buches, ist eine Kategorie, die von außen auferlegt wird. Wer sie nicht annimmt, wird von ihr nicht gebunden. Kramer hat diese Position nicht philosophisch entwickelt — sie hat sie gelebt, und das ist überzeugender als jeder Traktat.
Bohème, Weltbürgerschaft, Rückkehr
Das Buch folgt keiner strengen Chronologie. Es ist eher eine Folge von Stationen, Begegnungen, Verwandlungen. Die Sydneyer Bohème der späten 1930er Jahre — Kramer lebte damals in einer geteilten Wohnung in der Philip Street, studierte Gesang am Konservatorium, arbeitete als Platzanweiserin, um sich zu finanzieren — ist einer der lebendigsten Abschnitte. Man riecht geradezu die Ateliers, hört die Unterhaltungen, spürt die Energie einer jungen Frau, die noch nicht weiß, was sie werden wird, aber bereits vollständig sie selbst ist.
Dann folgen Jahrzehnte in Europa und den USA. Frankreich. Lewisburg, West Virginia. Choreografien, Auftritte, Zusammenarbeiten. Sechzig Jahre außerhalb Australiens — und dann, mit neunundneunzig, die Rückkehr. Nicht aus Sentimentalität, nicht aus Schwäche. Sondern, wie Kramer selbst sagte, wegen der Kookaburras und des Geruchs der Eukalyptusbäume. Der Körper weiß, was er braucht. Das ist kein kleiner Satz.
Was dieses Buch nicht ist — und was es dadurch wird
Es wäre ein Fehler, Life Keeps Me Dancing als reines „Altersbuch” einzustufen — als Ermutigung für Senioren, aktiv zu bleiben, das Leben zu genießen, jung im Herzen zu sein. Solche Bücher gibt es viele, und die meisten sind so aufmunternd wie ein Vitaminpräparat. Kramers Buch ist das nicht. Es ist kein Ratgeber. Es gibt keine Tipps. Es empfiehlt nichts.
Was es stattdessen tut: Es zeigt ein Leben in seiner spezifischen, unnachahmlichen Gestalt. Und gerade weil Kramer nicht verallgemeinert, nicht abstrahiert, nicht vereinfacht, entfaltet das Buch eine eigenartige Überzeugungskraft. Man liest es und denkt nicht: So sollte man leben. Man denkt: So kann man leben. Der Unterschied ist entscheidend.
Kramer war keine Heilige. Sie war auch keine Ausnahmeerscheinung im Sinne einer gottgegebenen Begabung. Sie war jemand, der früh lernte, die eigene Aufmerksamkeit zu vertrauen — und diese Entscheidung dann sieben Jahrzehnte lang nicht zurücknahm. Das Bodenwieser-Erlebnis 1940 war kein Zufall; es war der Moment, in dem eine bereits vorhandene Neigung sich endlich einen Weg bahnte.
Sprache und Übersetzung für deutschsprachige Leser
Das Buch liegt bislang nur auf Englisch vor. Das ist kein ernsthaftes Hindernis. Kramers Englisch ist zugänglich, klar, ohne idiomatische Stolpersteine. Wer auf B2-Niveau liest — und das ist bei jedem, der diesen Blog kennt, sicher anzunehmen — wird keine Schwierigkeiten haben. Der Stil ist, wenn überhaupt, angenehm unakademisch: persönlich, manchmal fragmentarisch, immer direkt. Eine deutsche Übersetzung wäre wünschenswert; sie fehlt bislang.
Empfehlung
Dieses Buch lohnt sich für alle, die sich für das Verhältnis von Körper, Zeit und Kreativität interessieren — unabhängig vom eigenen Alter. Es lohnt sich für Leserinnen und Leser, die von Biografien erwarten, dass sie nicht nur berichten, sondern zeigen. Und es lohnt sich, weil Eileen Kramer eine der seltenen Menschen war, die nicht über das Leben nachgedacht haben, sondern durch es hindurchgegangen sind — mit offenen Augen, bis zum Ende.
„I am not old. I have just been here for a long time.”
Eileen Kramer, Life Keeps Me Dancing, Pan Macmillan Australia, 2023
Wer nach der Lektüre des ersten Kapitels das Buch weglegen kann, hat vielleicht einfach gerade andere Dinge im Kopf. Wer es nicht weglegen kann, ist in guter Gesellschaft.
Eileen Kramer, Life Keeps Me Dancing — 108 years well lived, grounded in creativity, adventure and love. Pan Macmillan Australia, 2023. Hardcover und E-Book. Englisch. Keine deutsche Übersetzung vorhanden.
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