Wenn die Erde bebt — Literatur,
Krieg und die Frage
nach dem Menschen
Ein fächerübergreifendes Unterrichtsprojekt mit KI-Unterstützung · Voltaire · Kleist · Geschichte
Zwei Texte. Dasselbe Erdbeben. Fünf Kriege. Eine Frage — lernt die Menschheit aus Katastrophen, oder wiederholt sie dieselben Mechanismen unter neuen Namen?
01 · Konzept & LernzieleWarum diese Projektwoche?
Diese Projektwoche verbindet zwei kanonische Texte der deutschsprachigen Schullektüre — Voltaires Candide (1759) und Kleists Das Erdbeben in Chili (1807) — mit fünf historischen Kriegs- und Konfliktzenarien des 20. und 21. Jahrhunderts. Ziel ist keine bloße Wissensvermittlung, sondern die Entwicklung einer analytischen Grundhaltung, die für die Facharbeit in der Oberstufe unverzichtbar ist.
„Lernt die Menschheit aus Katastrophen — oder wiederholt sie dieselben Mechanismen unter neuen Namen?”
Die Schülerinnen und Schüler erwerben dabei folgende Kompetenzen:
| Kompetenz | Fachverankerung |
|---|---|
| Textanalytische Tiefe | LK/GK Deutsch |
| Historisch-politisches Kontextualisieren | Geschichte, Sozialkunde |
| Ethisches Argumentieren | Philosophie, Religion |
| Medien- und Quellenkritik mit KI-Tools | Fächerübergreifend |
| Strukturiertes wissenschaftliches Schreiben | Facharbeitvorbereitung |
02 · WochenstrukturMontag bis Freitag im Überblick
Literarische Grundlegung
„Zwei Texte, eine Frage”
Vormittag · Plenum (LK/GK Deutsch gemeinsam)
Einstieg mit einer einzigen Frage, unkommentiert an die Tafel geschrieben:
„Wer trägt die Schuld, wenn eine Welt zusammenbricht?”
Anschließend Kurzreferate (je 10 Minuten) von zwei Schülergruppen:
- Gruppe A: Voltaires Satirestrategie — wie funktioniert Ironie als Kritikwaffe?
- Gruppe B: Kleists Erzählkälte — was bedeutet es, dass er keine Lösung anbietet?
Nachmittag · KI-gestützte Textarbeit
- Einen Absatz aus Candide und einen aus Das Erdbeben in Chili in die KI eingeben
- Die KI nach Erzählperspektive, Ironie und Menschenbild befragen
- Die KI-Antwort kritisch kommentieren: Wo hat sie recht? Wo fehlt Tiefe?
Jede Schülerin / jeder Schüler schreibt eine halbe Seite: „Was kann KI bei der Textanalyse — und was nicht?”
Gruppenbildung & Themenzuweisung
„Fünf Kriege, fünf Gruppen”
| Gruppe | Thema | Fächerverbund |
|---|---|---|
| Gruppe 1 | Erster Weltkrieg 1914–1918 | Geschichte, Deutsch, Ethik |
| Gruppe 2 | Zweiter Weltkrieg 1939–1945 | Geschichte, Deutsch, Politik |
| Gruppe 3 | Irak-Krieg 2003 (George W. Bush) | Politik, Englisch, Ethik |
| Gruppe 4 | Ukraine-Krieg ab 2022 | Geographie, Politik, Geschichte |
| Gruppe 5 | US-Iran-Konflikt unter Trump | Politik, Englisch, Sozialkunde |
Vier Leitfragen für alle Gruppen
- Pangloss-Test: Gab es politische Akteure, die behaupteten, in der „besten aller möglichen Welten” zu handeln — also blinden Optimismus als Rechtfertigung nutzten?
- Kleist-Test: Gab es einen Moment, in dem eine Katastrophe eine Chance zur Erneuerung bot — die dann verspielt wurde?
- Sündenbockmechanismus: Wer wurde zur Ursache des „göttlichen Zorns” erklärt — und von wem?
- Garten-Frage: Was wäre Voltaires pragmatische Antwort auf diesen Konflikt gewesen?
Nachmittag · Quellenrecherche mit KI
Jede Gruppe recherchiert mit KI-Unterstützung drei Primärquellen (Reden, Dokumente, Zeitungsartikel) und zwei wissenschaftliche Sekundärquellen. Pflichteinheit: „Wie erkenne ich eine verlässliche Quelle?” — 30 Minuten, geleitet von der Lehrkraft.
Vertiefungsarbeit in den Gruppen
„Der Teufel steckt im Detail”
Block 1 · Historischer Kontext ca. 90 Min.
- Zeitstrahl des Konflikts
- Schlüsselentscheidungen und ihre Akteure
- Zahlen: Opfer, Vertriebene, materielle Zerstörung
Block 2 · Literarische Spiegelung ca. 60 Min.
Welche Szene aus Candide oder Erdbeben in Chili könnte als Motto über diesem Krieg stehen? Begründung in 10 Sätzen.
Block 3 · KI-Experiment ca. 60 Min.
- Die Gruppe stellt der KI die Frage: „Erkläre den [jeweiligen Krieg] so, als wäre er ein Kapitel in Voltaires Candide.”
- Dann: „Erkläre ihn als Kleist-Novelle.”
- Auswertung: Was verrät die KI über unsere kulturellen Deutungsmuster?
Block 4 · Ethische Positionierung ca. 45 Min.
Jedes Gruppenmitglied formuliert eine eigene These in einem Satz. Gruppenabstimmung: Welche These trägt?
Präsentationsvorbereitung
„Argumentation ist kein Meinungsaustausch”
Vormittag · Methodentraining (45 Min.)
- Unterschied zwischen Behauptung, Begründung und Beleg
- Das Toulmin-Modell in vereinfachter Form
- Häufige Fehler in Facharbeiten — und wie KI sie manchmal verstärkt statt verhindert
Nachmittag · Präsentationsproben
Jede Gruppe präsentiert intern. Eine andere Gruppe übernimmt die Rolle des kritischen Publikums mit vorbereiteten Fragen:
- Wo fehlen Belege?
- Wo wird Voltaire/Kleist zu oberflächlich herangezogen?
- Wo ist die KI-Nutzung erkennbar — und ist das ein Problem?
Präsentationen & Facharbeitsthemen
„Vom Projekt zur Wissenschaft”
Vormittag · Gruppenpräsentationen (je 15 Min. + 10 Min. Diskussion)
| Bewertungskriterium | Gewichtung |
|---|---|
| Historische Korrektheit | 25 % |
| Literarische Einbettung (Voltaire / Kleist) | 25 % |
| Qualität der Argumentation | 25 % |
| Reflexion der KI-Nutzung | 15 % |
| Präsentation und Sprache | 10 % |
Nachmittag · Facharbeitsthemen entwickeln
Aus dem Projekt destilliert jede Schülerin / jeder Schüler drei mögliche Facharbeitsthemen nach folgendem Muster:
„[Literarisches Motiv] bei Voltaire/Kleist als Deutungsrahmen für [historisches Ereignis] — eine komparatistische Analyse”
Beispiele:
- „Der Sündenbockmechanismus in Kleists Novelle und in der Kriegspropaganda des Ersten Weltkriegs”
- „Blinder Optimismus als politisches Instrument — Pangloss und die Rechtfertigungsrhetorik des Irak-Kriegs 2003″
- „Die verpasste Chance — Kleists Paradoxie der Katastrophe und der Ukraine-Krieg als gescheitertes Friedensfenster”
- „Voltaires Garten und die Grenzen des Pragmatismus — was bedeutet Handeln unter Trump?”
- „Mobilisierung und Mob — Kleists Kirchenszene und die Propaganda des Zweiten Weltkriegs”
Jede Schülerin / jeder Schüler liest ihr / sein Lieblingsthema vor. Keine Bewertung — nur Resonanz aus der Gruppe.
03 · MethodikKI-Nutzung in dieser Projektwoche
Diese Projektwoche behandelt KI nicht als verbotenes Hilfsmittel und nicht als Allheilmittel, sondern als Gegenstand kritischer Reflexion.
- KI darf für Recherche, Strukturierung und Ideengenerierung genutzt werden
- Jede KI-Nutzung muss dokumentiert und kommentiert werden
- Die zentrale Kompetenz bleibt: Kann ich das, was die KI produziert, einordnen, hinterfragen und verbessern?
- Ein eigener Reflexionsabschnitt zur KI-Nutzung ist Pflichtbestandteil jeder Präsentation
04 · Texte im VergleichVoltaire und Kleist nebeneinander
Die Stärke dieser Projektwoche liegt im produktiven Spannungsverhältnis der beiden Texte. Kein gemeinsamer Nenner — sondern produktiver Widerspruch:
| Voltaire · Candide (1759) | Kleist · Das Erdbeben in Chili (1807) | |
|---|---|---|
| Reaktion auf Katastrophe | Satirische Vernunftkritik | Tragische Gesellschaftskritik |
| Ausweg | Pragmatisches Handeln | Keiner |
| Menschenbild | Korrigierbar | Gefährlich ambivalent |
| Ton | Ironisch-komisch | Kalt, präzise, schonungslos |
| Lernfähigkeit | Möglich — mit Vernunft | Zweifelhaft — die Chance wird verspielt |
05 · FächeranbindungMögliche Facharbeitsfächer
Das Projekt ist so angelegt, dass Facharbeiten in verschiedenen Fächern entstehen können — einzeln oder als fächerübergreifende Arbeit (je nach Schulprofil):
Geschichte
Gemeinschaftskunde
Politik
Philosophie
Englisch
Fächerübergreifend